Wednesday, September 30. 2009
Es herrscht Krieg in Mittelerde - zumindest virtuell - und diesmal nicht zwischen Hobbits, Elben und Orks, sondern Radfahrern und Autofahrern. Aber wie konnte es dazu kommen? Der Konflikt auf den oft engen und kurvigen Strassen gärte schon länger, unmittelbarer Auslöser jedoch war ein Unfall in Auckland vor einigen Tagen, bei dem eine Autofahrerin ein Stoppschild missachtet hatte und in eine Gruppe von Hobbyradlern gefahren war. Dabei wurden 4 Radler verletzt, einer davon schwer.
Die anschließende Forderung eines Fahrrad-Interessenvertreters nach einer Herabsetzung des allgemeinen innerörtlichen Tempolimits über die augenblicklichen 50km/h hinaus brachte im Internetforum zum entsprechenden Zeitungsartikel eine Lawine ins Rollen, die alle Schattierungen und Abgründe menschlichen Denkens widerspiegelt. Auf die Schilderungen frustrierter Ex-Radfahrer dort, die nach mehreren Beinahe- und/oder tatsächlichen Zusammenstössen mit Autos das Rad an den Nagel hängten erwidert die Gegenseite, dass diese ja selbst schuld seien, wenn sie sich trotz besserem Wissen um ihre offensichtliche Gefährdung auf 2 Rädern auf die Strassen trauen, die die Autofahrer mit ihren Gebühren für die Autoregistrierung bezahlen. Einige ganz helle Köpfe schaffen es, auch dies noch zu toppen, indem sie die Gefährdung durch Radfahren mit Tabak gleichsetzen und konsequenterweise verbieten wollen, während andere ganz offen empfehlen, Radfahrer absichtlich abzudrängen, weil deren ‚dumme Gesichter' dabei so lustig seien. Angesichts solcher Äußerungen kann man nur hoffen, dass sich hier lediglich Minderheiten verbal ausgetobt haben. Unsere eigenen Erfahrungen sehen jedenfalls folgendermaßen aus: - Radfahrer in Neuseeland verhalten sich im großen ganzen nicht anders als in Deutschland und wie auch dort ist bei einigen die Hemmschwelle gegenüber roten Ampeln, Einbahnstrassen, etc. nicht besonders ausgeprägt. Andererseits scheinen sich die meisten ihrer Gefährdung bewusst zu sein, denn sehr viele tragen neonfarbene und reflektierende Warnwesten und sind nachts beleuchtet wie Weihnachtsbäume.
- Radsport scheint hierzulande deutlich populärer zu sein als in Deutschland und gerade an Wochenenden sieht man sie zu Dutzenden in Gruppen oder allein durch die Gegend fahren.
- Neuseeland ist aber auch ein Land der Autoliebhaber, was sich weniger in der allwöchentlichen Autowäsche äußert, sondern im Hang zum protzigen Tuning mit Spoiler, Alufelgen, Sportauspuff und getönten Scheiben. Als Folge gibt es vielerorts ein Dauerproblem mit sogenannten "Boy-Racern", jugendlichen Führerscheinneulingen mit aufgemotzten Autos und Drang zu quietschenden Reifen und Geschwindigkeit, die sie gerne nachts bei illegalen Autorennen auslassen. Unfälle mit Toten und Verletzten dabei schaffen es immer wieder in die Schlagzeilen. Genauso beliebt sind die großvolumigen Pick-ups, wie man sie auch aus den USA kennt.
- Leider wird der hiesige Führerschein diesem Trend genauso wenig gerecht, wie dem Ausbaugrad des Straßennetzes. Grundsätzlich lernen die Kinder das Autofahren von den Eltern mit Blick auf die nicht gerade anspruchsvolle, überwiegend theoretische Führerscheinprüfung, weshalb sie zum einen alle Fehler der Eltern erben und zum anderen in keiner Weise auf Gefahrensituationen und den Umgang miteinender im Verkehr vorbereitet werden. Nichtsdestotrotz und in Unkenntnis von Vergleichsmöglichkeiten mit anderen Ländern halten sich die meisten für ausgezeichnete Autofahrer.
- Als Folge muss man als Radfahrer ständig damit rechnen, mit beinahe "Tuchfühlung" überholt (zur Zeit läuft eine Petition zur Einführung eines gesetzlichen Mindestabstandes beim Überholen von Radfahrern), in Kurven vom entgegenkommenden oder überholenden Verkehr geschnitten zu werden, die Vorfahrt genommen zu bekommen oder - wie schon mehrfach geschehen - ohne Grund und aus Prinzip angehupt und beschimpft ("Stinkefinger") zu werden. Dagegen hilft nur ständige Achtsamkeit, ein dickes Fell...und ein gutes Gedächtnis, damit man den Gangster später bei der Polizei melden kann.
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