Nach langer Zeit hatte mal wieder Besuch aus Deutschland angekündigt: Katharina, eine Ex-Kollegin von Holger machte auf der Durchreise einige Tage in Wellington halt und hatte sich dafür den bestmöglichen Zeitpunkt ausgesucht. Das Wetter in der Hauptstadt zeigte sich von der Schokoladenseite, der Nationalfeiertag Waitangi Day verlängerte das Wochenende und die Stadt war angesichts des zeitgleich stattfindenden Sevens Rugbyturnier außer Rand und Band.
Was uns folglich vor die Qual der Wahl stellte, die Zeit am besten zu nutzen. Die Entscheidung fiel zunächst einmal zugunsten der Kultur, indem wir anlässlich des Waitangi Day einen Besuch im Nationalarchiv machten, um uns dort das Originaldokument der neuseeländischen Staatsgründung anzuschauen, den Treaty von Waitangi. Dabei handelt es sich um einen Vertrag aus dem Jahre 1840 zwischen den Maori Chiefs und dem Britischen Gouverneur, in dem die Maori die Britische Krone anerkannten und im Gegenzug im Besitz ihrer Ländereien und Ausübung ihrer Kultur bestätigt wurden. Wer dies aber als Geschichte und ‚kalten Kaffee' abhakt liegt allerdings ziemlich falsch, denn noch heute bietet der Treaty allerhand Zuendstoff und Streitpunkte, die aus kleinen aber feinen Unterschieden in der Übersetzung ins Maori hervorgehen. Wie wir erfuhren galt das Dokument lange Zeit als verschollen und wurde nur zufällig bei Umbauarbeiten des Archivs wiederentdeckt, wo es nur knapp dem Müllcontainer entging. Das ist gelebte Geschichte!
Nach dieser Lehrstunde konnten wir uns guten Gewissens ins Partygetümmel der wildesten Kostüme stürzten, das die ganze Stadt wie jedes Jahr beim Sevens-Turnier erfüllten (siehe Berichte der vorigen Jahre)



und machten uns abends auf zum Kiwi-Spotting im nahegelegenen Karori Wildlife Sanctuary (oder Zealandia, wie es seit neuestem heißt). Leider waren uns die Kiwis im Gegensatz zu einem früheren Besuch nicht wohlgesonnen, denn abgesehen von einigen Schreien irgendwo aus dem Dickicht war von den Vögeln nichts zu sehen. Der bekannte Vorführeffekt eben.
Dann war auch dieser Besuch vorbei und der Alltag schlug wieder mit erbarmungsloser Härte zu, in Form eines amtlich aussehenden Briefes vom Justizministerium an Holger, bei dessen Anblick wir uns wie jeder anständige Buerger erst einmal das Schlimmste ausmalten - was auch immer das sein mochte. Glücklicherweise entpuppte sich das Schreiben nur als Vorladung - als Geschworener bei Gericht. Eine staatsbürgerliche Pflicht, die hierzulande jeden treffen kann, der dafür ausgelost wird und die sich je nach verhandeltem Fall auf einen Tag bis über eine Woche erstrecken kann. Fürs erste und für dieses mal kam Holger aber mit Hilfe eines Schreibens von Holgers Arbeitgeber an seinem Einsatz vor Gericht vorbei, aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben.
Ansonsten plätscherten die Tage mit zunehmenden Anteilen unseres zweirädrigen Hobbys dahin. Höchste Zeit, unseren Fuhrpark dafür etwas aufzurüsten. Die Gelegenheit dazu ergab sie zuerst für Alex mit einem nagelneuen und atemberaubend schönen SCOTT CONTESSA SPEEDSTER Rennrad
(als vorweggenommenes Geburtstagsgeschenk) und kurz darauf auch für Holger in Form eines schneidigen GENIUS IL FALCO Rahmens mit einigen netten Carbon-Teilen, den er sich Stück für Stück zum vollständigen Rad
zusammenbaute. Damit konnten wir die kommenden Herausforderungen der Kapiti CycleChallenge und des GrapeRides in Blenheim auf der Südinsel in Angriff nehmen.
Die erste Bewährungsprobe für Alex' neues Geschoss ergab sich bereits am Wochenende nach ihrem Geburtstag in Taupo, wo wir 2 Freunde bei ihrer Teilnahme am New Zealand Ironman unterstützten (mit Erfolg, denn beide schafften es in einer respektablen Zeit von etwa 12 Stunden ins Ziel) und nebenbei auch ein paar Trainingskilometer zurücklegten.
Neben all dem dachten wir uns, sei es auch mal wieder an der Zeit, etwas mehr für unsere Integration in die neuseeländische Kultur zu tun und meldeten uns für einen Abendkurs in Maori an, doch schon recht schnell stellte sich heraus, dass dies kein Spaziergang werden würde, denn irgendwie ist die Sprache so ganz anders als alles, was einem in Westeuropa so über den Weg läuft. Ein Blick ins Wörterbuch genügt schon, wenn man dabei feststellt, dass viele Begriffe mehrere, teils gegensätzliche Bedeutung haben und sich der Sinn erst aus dem Gesamtzusammenhang ergibt. Oder dem Hintergrundwissen des Sprechers/Zuhörers. Oder der Mondphase, zumindest kam es uns so vor. Viel mehr als ein paar Grundkenntnisse ließen sich im Rahmen des Kurses auch nicht vermitteln und wir mit dem Fortgeschrittenenkurz fortfahren, müssen wir uns noch gründlich überlegen. Kostprobe gefällig?
| Kia Ora! | Hallo! |
| Kei te te pehea koe? | Wie geht's Dir? |
| Kei te pai ahau! | Mir geht es gut! |
| Ko Holger taku ingoa | Mein Name ist Holger |
| No Deutschland ahau | Ich komme aus Deutschland |
| Ka pai! pakipaki! | Gut gemacht! Applaus! |
| Po Marie | Gute Nacht |
Dem schließen wir uns an!